Warum sich Empathie beim Bewerbungsgespräch auszahlt

Empathie beim Bewerbungsgespräch
Gerade im Bewerbungsgespräch kommt es auf ein empathisches Verhalten an.

Noch eine Woche bis zum Bewerbungsgespräch. Je näher der Termin rückt, desto mehr Fragen schießen durch den Kopf: Welche Fragen werden mir gestellt? Werde ich den HR-Manager überzeugen können? Was ist, wenn ich meinen Gesprächspartner unsympathisch finde?

Ein Bewerbungsgespräch gleicht für die meisten Menschen einer emotionalen Achterbahnfahrt. Der Bewerber muss sich im besten Licht darstellen, jedoch ohne zu prahlen. Seine Nervosität überspielen, aber nicht desinteressiert und kühl wirken. Sich auf einen oder mehrere Menschen einlassen, die ihm in der Regel völlig unbekannt sind. Und schließlich mit Sympathie punkten. Das ist viel auf einmal in einem engen Zeitfenster. Besonders schwer: Fachwissen hilft hier nicht weiter. Es geht vielmehr um Empathie.
 

Empathie – was ist das überhaupt?

Empathie ist die Fähigkeit von Menschen Emotionen, Gedanken und Motive seines Gegenübers zu verstehen. Was auf den ersten Blick nicht weiter kompliziert klingt, ist bei näherem Betrachten eine ziemlich komplexe Angelegenheit. Um Gefühle eines anderen Menschen verstehen zu können, müssen diese überhaupt erst einmal erkannt werden.

Besonders wichtig ist jedoch, die Fähigkeit, auf Emotionen einzugehen und entsprechend zu reagieren. Die Wissenschaft macht es noch ein bisschen komplizierter und unterscheidet zwischen angeborener und erlernter Empathie. Letztendlich ist es egal, wann und wie Sie zu empathischen Fähigkeiten gekommen sind. Wichtig ist, dass Sie wissen, wie Sie diese richtig einsetzen. Das gilt nicht nur fürs Privatleben, sondern vor allem auch für den Berufsalltag.
 

Emotionale Intelligenz

Zur Verdeutlichung von Empathie wird auch gerne der Begriff emotionale Intelligenz verwendet. Diesen Terminus nutzten John D. Mayer von der University of New Hampshire und Peter Salovey, Yale University, im Jahr 1990 das erste Mal. Emotionale Intelligenz basiert dabei auf der Intelligenztheorie von Howard Gardner. Er entwickelte in den 1980-er Jahren die Theorie der multiplen Intelligenzen. Seiner Überzeugung nach reichen klassische Intelligenztests nicht aus, um über Erfolge und Misserfolge im Leben eines Menschen zu entscheiden. Aber schon 1920 stellte der amerikanische Psychologe Eduard Lee Thorndike fest, dass der fachlich beste Mechaniker als Vorarbeiter scheitern wird, wenn es ihm an sozialer Intelligenz fehlt.
 

Emotionale Intelligenz heißt Selbstreflektion

Wer andere verstehen will, sollte bei sich selbst anfangen und sein Verhalten – vor allem anderen gegenüber – analysieren. Dadurch lassen sich nicht nur interessante Erkenntnisse über die eigene Persönlichkeit gewinnen, sondern auch Empathie trainieren. Denn dies kann man durchaus lernen. Vier grundsätzliche Punkte sollten dabei berücksichtigt werden:
 

  • Gretchenfrage beim Bewerbungsgespräch:

Welche Stärken und Schwächen haben Sie? Gerade im Bewerbungsgesprächen ist diese Frage noch immer beliebt. Um andere Menschen besser zu verstehen, ist sie hilfreich. Vorausgesetzt, man fängt bei sich selbst an. Nur, wer sich selbst gut kennt und einschätzen kann, vermag auch andere zu verstehen.
 

  • Emotionen im Griff haben:

Emotionale Intelligenz geht aber noch weiter. Es gehört auch dazu, in der Lage zu sein, die eigenen Gefühle zu kontrollieren und steuern. Das heißt aber nicht, dass Sie die ganze Zeit mit angezogener Handbremse durchs Leben gehen sollen. Jedoch, wenn Sie Ihre eigenen Emotionen verstehen, lassen sich Gefühle von Mitmenschen besser deuten.
 

  • Menschliches Miteinander:

Beziehungen sind unverzichtbar – egal, ob im Berufs- oder im Privatleben. Wer sie aufbauen und erhalten kann, hat langfristig Aussicht auf Erfolg. Gerade hierbei kommt es darauf an, sein Gegenüber einzuschätzen und verstehen zu lernen. Ansonsten wären Konfrontationen fast programmiert.
 

  • Kommunikation:

Sich klar ausdrücken zu können, hilft auch andere zu richtig verstehen. Wenn Sie Ihre Gedanken und Gefühle nicht artikulieren können, ist es für Ihren Gesprächspartner schwer, darauf zu reagieren und Sie einzuschätzen. Beim Bewerbungsgespräch spielt das eine große Rolle. Gleiches gilt natürlich auch umgekehrt. Sitzt Ihnen ein HR-Manager gegenüber, der nicht präzise genug formuliert, werden Sie sich schwer tun, zu verstehen, worauf er hinauswill.
 

Empathie beim Bewerbungsgespräch

Um es auf den Punkt zu bringen: Im Bewerbungsgespräch sollten Sie Ihren empathischen Trumpf ausspielen. Unmöglich werden Sie vielleicht denken. Denn wie soll das so kurz vor einem Bewerbungsgespräch zu schaffen sein? Machen Sie sich keine Illusionen. Ein paar Tage vor dem Gespräch werden Sie das nicht mehr hinbekommen. Empathie ist zwar erlernbar, aber ein langer Prozess. Und dieser fängt mit einer bewussten Wahrnehmung Ihrer Umwelt und Ihrer Mitmenschen an.
 

  • Beobachten:

Schauen Sie sich doch einmal bewusst um, während Sie im Zug oder im Bus sitzen, anstatt auf Ihr Smartphone zu schauen. Nehmen Sie wahr, was um Sie herum passiert. Wie wirken Menschen? Wie sehen Gesichtsausdrücke aus? Was verrät ihre Körpersprache? Wie verhalten sich Menschen, wenn sie miteinander sprechen? Es braucht nicht viel Übung, um Mimik und Gestik zu interpretieren. Allerdings können Sie sich auch mit Ihren Rückschlüssen täuschen.
 

  • Interesse zeigen:

Zuhören und Interesse zeigen – das ist gerade im Bewerbungsgespräch wichtig. Sich für andere zu interessieren, ist einer der Kernpunkte in Punkto Empathie. Nehmen Sie Ihren Gesprächspartner ernst und hören Sie aufmerksam zu. Achten Sie aber auch darauf, dass Sie dabei nicht verkrampfen, wenn Sie dem Personaler gegenübersitzen. Sie sollten trotz aller Nervosität noch immer natürlich wirken.
 

  • Zwischen den Zeilen lesen:

Richtig zu hören ist eines – richtig verstehen etwas anderes. Es kommt gerade im Bewerbungsgespräch darauf an, zwischen den Zeilen lesen zu können. Oft enthalten Sie versteckte Botschaften, oftmals auch Fang-Fragen mit denen die Fähigkeiten des Bewerbers geprüft werden sollen. Lassen Sie sich dadurch aber nicht verunsichern, denn schließlich wissen Sie, was Sie können.
 

  • In die Rolle des anderen schlüpfen:

Haben Sie schon einmal überlegt, wie es einem HR-Manager geht, bevor er ein Gespräch mit einem Bewerber führt? Sicherlich wird auch er ein bisschen nervös sein. Denn schließlich sieht er Sie zum ersten Mal.

Versetzen Sie sich einmal in seine Lage. Er muss eine Position mit einem fachlich kompetenten Mitarbeiter besetzen, der in ein mögliches Team passen oder vielleicht auch ein geschickter Kundenkommunikator sein soll. Zudem muss er herausfinden, ob ein echtes Interesse an der ausgeschriebenen Position besteht oder der Bewerber nur eine kurze Zwischenstation machen möchte. Angesichts des großen Fachkräftemangels – gerade in der IT-Branche – lastete auf dem HR-Manager ein großer Druck. Oft hilft es, sich die Situation des Gesprächspartners vorzustellen. Im Idealfall nimmt dies Nervosität und stellt Ihre Position als Bewerber anders dar.
 

  • Seien Sie nachsichtig:

Jeder hat einmal einen schlechten Tag. Das gilt für HR-Manager genauso, wie für Sie selbst. Manchmal sind es private Gründe oder auch eine Bemerkung eines Kollegen, die dazu führen können, dass die Stimmung kippt. Sie, als Bewerber, müssen das natürlich nicht ausbaden, aber seien Sie nachsichtig. Fakt ist, Sie können nicht wissen, worum es genau geht. Es hilft Ihnen aber für den weiteren Verlauf des Gesprächs, anstatt sich zu ärgern, entspannt zu bleiben. Ein schlechter Tag kann auch ein Grund sein, weswegen manche Menschen unsympathisch wirken.
 

Empathie ist nicht immer positiv

Wer über Empathie nachdenkt, verbindet meistens Positives damit. Doch Vorsicht. Empathie hat das Zeug dazu, andere Menschen zu manipulieren. Man könnte auch im Bewerbungsgespräch versucht sein, so vorzugehen: Beispielsweise, indem man den Rauswurf aus der letzten Firma mit einer emotionalen Geschichte garniert. Das Ziel könnte sein, beim Gesprächspartner Mitgefühl oder eine Solidarisierung auszulösen. Lassen Sie es am besten bleiben, denn in der Regel kommt man Ihnen auf die Schliche. Gleiches gilt auch für Unwahrheiten im Lebenslauf oder wenn Sie im Gespräch zu sehr brillieren wollen. Bleiben Sie lieber authentisch und nutzen Sie Empathie im positiven Sinne – um zu überzeugen.